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Vendor Due Diligence: Formate, Reliance und Nutzen im Verkaufsprozess

Peter Nadolinski
CEO & Gründer von VAP
Ungefähre Lesedauer
9 Minuten
Vendor Due Diligence: Formate, Reliance und Nutzen im Verkaufsprozess

Inhaltverzeichnis

In einem Unternehmensverkauf prüft normalerweise der Käufer. Er schickt Berater, stellt Fragen, findet Schwachstellen und leitet daraus Preisabschläge ab. Der Verkäufer reagiert, meist unter Zeitdruck.

Die verkäuferseitige Prüfung dreht diese Reihenfolge um. Der Verkäufer beauftragt selbst einen unabhängigen Prüfer, lässt sein eigenes Unternehmen untersuchen und stellt das Ergebnis den Interessenten zur Verfügung.

Dieser Beitrag erklärt, welche Formate es gibt, worauf es bei der Haftungszusage ankommt, wann sich der Aufwand rechnet und wo die Grenzen dieses Vorgehens liegen.

Was eine Vendor Due Diligence ist

Eine Vendor Due Diligence ist eine Prüfung des Verkaufsobjekts, die vom Verkäufer in Auftrag gegeben und von einem unabhängigen Dritten durchgeführt wird, typischerweise einer Wirtschaftsprüfungs- oder Beratungsgesellschaft.

Der entscheidende Unterschied zur gewöhnlichen Prüfung liegt nicht im Inhalt, sondern in der Reihenfolge und im Auftraggeber. Untersucht werden dieselben Themen, die auch ein Käufer untersuchen würde: Zahlen, Steuern, Verträge, Markt. Nur eben vorher und aus eigenem Antrieb.

Das Ergebnis wird den Kaufinteressenten im Datenraum bereitgestellt, in der Regel nach Unterzeichnung einer Geheimhaltungsvereinbarung und häufig erst in einer späteren Prozessphase.

Wichtig ist die Abgrenzung zum Information Memorandum. Die Verkaufsunterlage ist ein Dokument des Verkäufers und wirbt für das Unternehmen. Ein solcher Prüfbericht stammt von einem Dritten, bewertet auch Risiken und nennt Schwächen. Genau diese Distanz macht ihn für Käufer überhaupt brauchbar.

Drei Formate: Fact Book, Red Flag Report, vollständiger Bericht

In der Praxis gibt es nicht ein Produkt, sondern drei Abstufungen mit sehr unterschiedlichem Aufwand.

Das Fact Book ist die schlankste Variante. Es stellt Zahlen und Sachverhalte strukturiert dar, ohne sie zu bewerten. Es beschreibt also, es urteilt nicht. Im deutschen Mittelstand ist dieses Format weit verbreitet, weil es einen großen Teil des Nutzens zu einem Bruchteil der Kosten erzeugt.

Der Red Flag Report ist die fokussierte Variante. Dieser verkürzte VDD Report benennt nur die wesentlichen Risiken, quantifiziert sie und gibt Handlungsempfehlungen. Er eignet sich, wenn es darum geht, früh zu erkennen, wo im eigenen Haus die Probleme liegen, ohne einen vollständigen Bericht zu finanzieren.

Der vollständige Vendor Due Diligence Report ist die tiefste Stufe. Er enthält eine gutachterliche Beurteilung, rechnet das Ergebnis auf eine bereinigte Basis um und leitet die Brücke vom Unternehmenswert zum tatsächlichen Kaufpreis her, also die Behandlung von Nettoverschuldung und Working Capital.

Welche Stufe passt, hängt an Dealgröße und Prozessform. Die Auswahl beginnt deshalb nicht mit der Frage nach dem Anbieter, sondern mit der Frage nach dem nötigen Tiefgang.

Reliance: der Punkt, der über den Wert entscheidet

Hier liegt der wichtigste und am häufigsten übersehene Aspekt. Ein Bericht ist für den Käufer nur dann wirklich wertvoll, wenn er sich darauf verlassen darf.

Genau das regelt der Reliance Letter. Darin erklärt der Prüfer gegenüber dem Käufer, dass dieser den Bericht verwenden darf und dass eine Haftung besteht. Diese Haftung wird praktisch immer begrenzt: über die Beschreibung des Prüfungsauftrags, über einen festen Stichtag und über eine Haftungsobergrenze.

Ohne diese Zusage wird der Bericht nur mit einem Non-Reliance Letter herausgegeben. Der Käufer darf ihn dann lesen, kann aber keine Ansprüche daraus ableiten. Das ist deutlich günstiger und in kleineren Transaktionen üblich, reduziert aber den Nutzen erheblich, weil der Käufer die wesentlichen Punkte am Ende doch selbst prüfen lässt.

Für Verkäufer folgt daraus eine klare Konsequenz. Wer den Prozess wirklich beschleunigen und Nachverhandlungen vermeiden will, muss die Reliance mitverhandeln und einpreisen. Wer nur ein Dokument ohne Haftungszusage in den Datenraum legt, kauft sich Ordnung, aber wenig Verhandlungswirkung.

Was im Finanzteil geprüft wird

Der Finanzteil ist bei den meisten Transaktionen der wichtigste Baustein, weil er unmittelbar auf den Preis wirkt.

Im Zentrum steht die Überleitung vom ausgewiesenen Ergebnis zum bereinigten EBITDA. Herausgerechnet werden Einmaleffekte, private Positionen, ein marktübliches Geschäftsführergehalt anstelle historischer Entnahmen und nicht betriebsnotwendige Aufwendungen. Wie diese Rechnung funktioniert, zeigt unser Leitfaden zum Unternehmenswert berechnen.

Daneben geht es um die Qualität der Erträge: Welcher Teil des Umsatzes ist wiederkehrend, wie stabil sind die Margen, wie verteilt sich der Umsatz auf Kunden. Ein hoher Anteil einmaliger Effekte senkt den Multiplikator, selbst wenn das Ergebnis auf dem Papier gut aussieht.

Der dritte Block ist die Kaufpreisbrücke. Nettoverschuldung, Working Capital und dessen normales Niveau im Jahresverlauf, Leasing- und Pensionsverpflichtungen sowie mögliche Nachzahlungsrisiken. Diese Themen entscheiden am Ende darüber, wie viel vom vereinbarten Unternehmenswert beim Verkäufer ankommt.

Aus unserer Beratungspraxis ist das der Bereich, in dem die meisten Nachverhandlungen entstehen. Wer diese Rechnung selbst aufstellt und belegt, nimmt dem Käufer die Möglichkeit, sie zu seinen Gunsten aufzustellen.

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Wann sich der Aufwand rechnet

Diese Prüfung ist eine Vorleistung. Sie kostet Geld und Zeit, bevor überhaupt klar ist, ob es zu einer Transaktion kommt. Deshalb lohnt sie sich nicht in jedem Fall.

Sinnvoll ist sie vor allem bei strukturierten Bieterverfahren mit mehreren Interessenten. Denn dann prüfen sonst mehrere Parteien parallel dasselbe Unternehmen, was Management-Kapazität bindet und Widersprüche in den Antworten erzeugt. Ein gemeinsamer Bericht löst dieses Problem.

Ebenfalls sinnvoll ist sie bei komplexen Strukturen: Konzerne mit mehreren Gesellschaften, Carve-outs einzelner Bereiche, Unternehmen mit vermischten Vermögenssphären oder ungewöhnlicher Bilanzierung. Überall dort, wo Erklärungsbedarf besteht, ist eine geordnete Darstellung durch einen Dritten wertvoller als jede Antwort des Verkäufers.

Aus der Praxis kommt eine Größenordnung dazu, die wir als Orientierung verstehen und nicht als Regel: Unterhalb eines Unternehmenswerts im zweistelligen Millionenbereich steht der Aufwand für einen vollständigen Bericht mit Reliance meist in keinem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen. Ein Fact Book oder ein sauber vorbereiteter Datenraum leistet dort mehr pro eingesetztem Euro. Was ein Verkaufsprozess insgesamt kostet, zeigt unser Beitrag dazu, was ein Unternehmensverkauf kostet.

Wie der Bericht im Verkaufsprozess wirkt

Der Nutzen zeigt sich an vier Stellen, und zwar unabhängig vom gewählten Format.

Erstens im Tempo. Wenn zentrale Fragen bereits beantwortet sind, verkürzt sich die Phase zwischen Absichtserklärung und Vertrag deutlich. Das ist mehr als Komfort, denn jeder zusätzliche Monat erhöht das Risiko, dass ein Käufer abspringt oder sich die Zahlen verschlechtern.

Zweitens in der Preisstabilität. Der Preis, der in einer Absichtserklärung steht, ist nur eine Absicht. Wie sich ein Letter of Intent zu einem Vertrag entwickelt, hängt maßgeblich davon ab, was in der Prüfung noch auftaucht. Wer Überraschungen vorher kennt, kann sie einordnen, statt sie erklären zu müssen.

Drittens im Wettbewerb. Ein Verfahren mit mehreren Interessenten bleibt nur solange wettbewerbsfähig, wie alle Bieter auf demselben Informationsstand arbeiten. Wie sich echter Wettbewerb überhaupt erzeugen lässt, beschreibt unser Beitrag dazu, wie Sie den idealen Käufer finden.

Viertens in der eigenen Vorbereitung. Der wahrscheinlich unterschätzte Effekt: Der Verkäufer erfährt Monate vor der Marktansprache, wo die Schwachstellen liegen, und kann einen Teil davon noch beheben. Ein Risiko, das vor dem Prozess beseitigt wird, taucht nie in einer Verhandlung auf.

Zusammenspiel mit der W&I-Versicherung

Ein praktischer Grund für eine sorgfältige Prüfung durch den Verkäufer hat mit Versicherbarkeit zu tun.

Eine Garantieversicherung übernimmt Risiken aus den Zusagen des Kaufvertrags. Versicherer verlangen dafür allerdings eine belastbare Prüfungsgrundlage, denn sie müssen das Risiko selbst einschätzen können. Ein Bereich, der nicht geprüft wurde, wird typischerweise auch nicht versichert.

Damit wird die Prüfung des Verkäufers zum Baustein einer Lösung, die beiden Seiten hilft: Der Käufer erhält Sicherheit aus einer Police statt aus einem Rückbehalt, der Verkäufer kann sauber ausscheiden. Die Details erklärt unser Beitrag zur W&I-Versicherung beim Unternehmensverkauf.

Zur Einordnung der Kosten: Prämien liegen üblicherweise zwischen 0,7 und 1,5 Prozent der versicherten Summe, dazu kommt eine einmalige Gebühr für die Risikoprüfung. Wirtschaftlich sinnvoll wird eine solche Police erst ab einem entsprechenden Schadenpotenzial.

Grenzen und Risiken

Ein Bericht aus eigener Beauftragung ersetzt die Prüfung des Käufers nicht vollständig. Diese Erwartung führt regelmäßig zu Enttäuschung.

Der erste Punkt ist die bestätigende Prüfung. Kaufinteressenten lassen die für sie wichtigsten Bereiche fast immer selbst nachprüfen, wenn auch in geringerem Umfang. Ein eigener Prüfbericht verkürzt die Untersuchung des Käufers, er ersetzt sie nicht.

Der zweite Punkt ist die natürliche Skepsis. Ein Bericht, den der Verkäufer bezahlt hat, wird zunächst mit Vorbehalt gelesen. Dieser Vorbehalt sinkt mit der Reputation des Prüfers und mit dem Umfang der Haftungszusage. Ohne Reliance bleibt er hoch.

Der dritte Punkt ist die Haftung. Wer weiß, dass ein Risiko besteht, und es nicht offenlegt, verschlechtert seine Position erheblich, weil der Käufer sich später auf Kenntnis des Verkäufers berufen kann. Eine Prüfung, die Probleme findet und verschweigt, ist schlechter als keine Prüfung.

Der vierte Punkt ist die Vorfinanzierung. Die Kosten fallen an, bevor ein Erlös sicher ist. In Prozessen, die abgebrochen werden, bleibt der Aufwand beim Verkäufer.

Ablauf und Zeitplan

Die Prüfung gehört zeitlich vor die Marktansprache, nicht parallel dazu.

Realistisch sind je nach Umfang etwa vier bis zehn Wochen von der Beauftragung bis zum fertigen Bericht, zuzüglich der Zeit für die Aufbereitung der Unterlagen im eigenen Haus. Genau dieser Vorlauf wird häufig unterschätzt.

Danach folgt die eigentliche Vorbereitung des Prozesses: Datenraum aufbauen, gefundene Punkte abarbeiten oder Erklärungen dafür vorbereiten, Unterlagen und Verkaufsdokument aufeinander abstimmen. Eine strukturierte Checkliste für den Unternehmensverkauf hilft, die Reihenfolge einzuhalten.

Ein kostenfreies Strategiegespräch klärt vorab, welches Format im konkreten Fall angemessen ist und ob der Aufwand zur geplanten Transaktion passt.

Häufige Fragen zur Vendor Due Diligence

Was ist eine Vendor Due Diligence?

Eine Prüfung des zu verkaufenden Unternehmens, die der Verkäufer selbst bei einem unabhängigen Dritten beauftragt und deren Ergebnis er den Kaufinteressenten bereitstellt. Untersucht werden dieselben Themen wie bei einer Käuferprüfung, nur früher und auf Initiative des Verkäufers.

Was ist der Unterschied zum Fact Book?

Ein Fact Book stellt Zahlen und Sachverhalte strukturiert dar, bewertet sie aber nicht. Ein vollständiger Vendor Due Diligence Report enthält zusätzlich eine gutachterliche Beurteilung, die Bereinigung des Ergebnisses und die Herleitung der Kaufpreisbrücke. Das Fact Book ist deutlich günstiger.

Was ist ein Red Flag Report?

Eine fokussierte Kurzfassung, die nur die wesentlichen Risiken benennt, sie quantifiziert und Handlungsempfehlungen gibt. Ein solcher VDD Report eignet sich besonders für die frühe Phase, wenn der Verkäufer zunächst selbst wissen will, wo die Schwachstellen liegen.

Kann sich der Käufer auf den Bericht verlassen?

Nur wenn ein Reliance Letter vorliegt. Darin räumt der Prüfer dem Käufer die Nutzung ein und übernimmt Haftung, üblicherweise begrenzt auf einen bestimmten Auftragsumfang, einen Stichtag und einen Höchstbetrag. Ohne diese Zusage bleibt der Bericht reine Information.

Ab welcher Größe lohnt sich das?

Ein vollständiger Bericht mit Haftungszusage rechnet sich in der Regel erst bei Unternehmenswerten im zweistelligen Millionenbereich oder bei echten Bieterverfahren mit mehreren Interessenten. Darunter erzeugen ein Fact Book und ein gut vorbereiteter Datenraum mehr Wirkung pro eingesetztem Euro.

Ersetzt es die Prüfung durch den Käufer?

Nein. Käufer führen fast immer eine bestätigende Prüfung durch, allerdings in deutlich geringerem Umfang und in kürzerer Zeit. Der Gewinn liegt in Tempo, Informationsgleichstand aller Bieter und weniger Nachverhandlungen, nicht im Wegfall der Käuferprüfung.

Wie lange dauert die Erstellung?

Etwa vier bis zehn Wochen ab Beauftragung, je nach Umfang und Format. Entscheidend ist der Aufbereitungsstand der eigenen Zahlen: Liegen saubere Abschlüsse und eine belastbare Umsatzstruktur vor, geht es deutlich schneller.

Fazit

Die Vendor Due Diligence verschiebt die Informationshoheit im Verkaufsprozess. Statt auf Befunde des Käufers zu reagieren, legt der Verkäufer eine geprüfte Grundlage vor und behält die Kontrolle über Tempo und Reihenfolge.

Drei Punkte entscheiden über den Nutzen. Erstens die Wahl des Formats, weil Fact Book, Red Flag Report und vollständiger Bericht in Aufwand und Wirkung weit auseinanderliegen. Zweitens die Haftungszusage, weil ein Bericht ohne Reliance kaum Verhandlungswirkung entfaltet. Drittens der Zeitpunkt, weil der eigentliche Gewinn darin liegt, Schwachstellen vor der Marktansprache zu beheben.

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